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Heimat als Zustand und Echo |190323

 «Aller Anfang war Klang».
Die Mythen vieler Völker erzählen: Die Welt wurde aus einem Klang erschaffen 
und dieser Klang hallt wie ein Echo immer noch nach und nach und nach. 
Und in diesem Klang liegt die ganze Wahrheit. 

 

Wo bin ich wirklich zu Hause? In der Kultur? In der Religion? Zu Hause in der Herzregion? Ist Heimat vielleicht kein Ort sondern ein Gefühl? Überallhin! rufe ich.

Die Frage, «könnte ich hier wohnen?» stelle ich mir an jedem Ort, den ich neu kennenlerne. Manchmal lautet die Antwort «Ja», manchmal «Nein». Dies sagt noch nichts über Heimat aus, könnte aber ein erster Schritt auf dem Weg dazu sein. Die Erfahrung der Diaspora ist mir wohl über Genarationen hinweg eingeschrieben. Der Bezug zu Orten und Sprachen scheint relativ. Ich frage mich: «Gilt auch für mich das absolute Verhältnis zu Israel und zur hebräischen Sprache?» Ich lernte, sprach und schrieb ein bisschen hebräisch, verlernte dies aber, als ich mit Deutsch begann. Die Büchlein, die man Pässe nennt, weisen in jeder Generation der Familie eine andere Heimat aus.

Dyniel erzählte mir, wie er das erste mal von Alger aus in die Wüste fuhr, bis zur Stadt  Agadez. Wie er sich, sobald er aus dem Bus ausgestiegen war, auf seinen Koffer setzte und voller Dankbarkeit zu weinen begonnen hätte, überwältigt von einem nie gekannten Gefühl von «zu Hause» angekommen zu sein. Weder in Alger, wo seine Familie herstammt, noch in Paris, wo er geboren und aufgewachsen ist, hatte er dies jemals gespürt. Ich trete aus dem Schutz der Eltern in die Fremde und vieles ändert sich. Lange dachte ich, Heimat seien Familie und Freunde. Eine eigene Heimat schien mir eine sentimentale Illusion. Topographisch ist meine Herzensheimat Griechenland. Sobald ich einen Fuss ins Land setze und die Sprache spreche, bin ich eine Andere.

Ist Sehnsucht Heimat? Die Sehnsucht nach der Heimat ist meist verständlich. Doch was ist, wenn ich nicht weiss nach was ich mich sehne? Die, die zur See fahren wissen genau wo sie zu Hause sind. Dort wo sie ihre Familien zurückgelassen haben. Sie kehren nach vielen Monaten zurück, mit Geschichten und Mitbringseln für ihre Frauen und Kinder. Kaum sind sie angekommen, zieht es viele schon wieder fort. Ein guter Freund fuhr einige Jahre zur See, er machte die Ausbildung zum Kapitän, bereiste die ganze Welt und doch sprach er nur gebrochen Englisch. Die Sehnsucht liess ihn nach Patras zurückkehren, wo er aufge- wachsen war und wo seine Eltern lebten.

Kann Heimat keinen Ort haben; Kann Heimat ein Zustand sein? Ein Zustand, gemäss der Definition eines physikalischen Systems, umfasst die Gesamtheit aller Informationen, die zur vollständigen Beschreibung der momentanen Eigenschaften des Systems erforderlich sind, sofern sie nicht schon mit den unveränderlichen Eigenschaften des Systems fest- liegen. Ich trage meine Heimat mit mir, in mir. Sehen das die Anderen auch so; Die Orts- ansessigen, Einheimischen, Eingeborenen? Definieren sie, wer wo zu Hause ist? Du gehörst nicht hierher, du bist fremd und könntest bedrohlich für mich sein. Also sind die anderen Menschen, das Fremde das Gegenteil von Heimat?

Oder ist Heimat eher sogar ein spezieller Zustand an einem Ort, an dem man sich gerne aufhält? Es muss nicht zwangsläufig der Ort sein, an dem man geboren wurde. Menschen aus Kleinstädten oder Dörfern, die sich dort nicht heimisch fühlen gehen dann in die Gross- stadt. Leute die sich in der Grossstadt nicht wohlfühlen gehen aufs Land. Sie kaufen sich dort einen Bauernhof und fühlen sich dann endlich heimisch. Das scheint mir eine zu einfache Antwort auf eine schwierig zu stellende Frage.

Ist Heimat dieser Zustand, wenn die Grenze zwischen mir und der Aussenwelt bewusst- seinsmäßig aufgehoben ist, wenn ich mit der Welt und ihrem geistigen Urgrund eins geworden bin? Ich bin im Einklang mit dem was gerade ist. Der Alltag schafft es aber immer wieder mich da herauszureissen und hier erlebe ich den Verlust von Heimat.

Hier, hier! antwortet Echo. Der Widerhall als Ahnung von Etwas das gewesen ist und als Fluch der bleibt. Ich klammere mich an das Wissen, wie Brot und Wasser schmecken, erfinde Heimat als Ritual immer wieder von Neuem, überprüfe diesen Zustand fortlaufend.

Ist es die Sehnsucht nach der einstigen Ganzheit? Über die Offenbarung am Sinai spricht Emmanuel Levinas von der Knechtschaft Gottes und meint die Annahme des Willens dieses einen Gottes. Es ist die aller Freiheit vorausgehende Verpflichtung zur Verantwortung. Der Sinai als Ort der Begegnung mit Gott, ist also auch der Ort, der durch die Übernahme der Tora erst die Freiheit des Menschen ermöglicht und wo er sich seiner Verantwortung für die Schöpfung bewusst wird. In der mystischen Tradition des Judentums, z.B. im Buch «Zohar» symbolisiert der Berg Sinai, der nicht betreten werden darf, die Geborgenheit unter den Flügeln der «Schechina», der Wohnstatt Gottes, und ist gleichzeitig der Ort seiner Offen- barung. Hier findet die unmittelbare Gottesbegegnung statt. Die Gabe der Zehn Gebote und mit ihr die Gabe der Tora als umfassende «Lebens-Weisung» ist eine Vergegenwärtigung Gottes.

Ich habe mich oft über das Verhältnis von Vaterland und Muttersprache gewundert: Kann Sprache Heimat sein, oder ist die Anpassung an die Sprache nur Tarnung von Heimat- losigkeit? Überall konnte und könnte ich die ortsüblichen Sprachen lernen: Das elterliche Französich, das grosselterliche Italienisch, Griechisch, aus dem Zürichdeutsch der Mutter zumindest gewisse Worte übernehmen, Baslerdeutsch in der Schule und durch die Freunde lernen, sogar Englisch. Dass ich keine gebürtige Schweizerin bin, hört man mir fast nicht mehr an. Und ist das Heimat? Wie bei den Orten denke ich, bin ich je nach Sprache ein anderer Mensch, und Sprache allein kann mir keine Heimat sein. Die Anstrengung mich ständig anzupassen spricht gegen die Sprache als Heimat, zumindest für mich.

Ich wünschte mir, Muttersprache würde Da-sein bedeuten und Sprache Heimat; Eher scheint mir aber, ist die Suche nach Heimat zu meiner Sprache und Heimat geworden.

Zürich, 23/03/2019 am

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Heimat als Zustand und Echo |190323
«Aller Anfang war Klang».
Die Mythen vieler Völker erzählen: Die Welt wurde aus einem Klang erschaffen 
und dieser Klang hallt wie ein Echo immer noch nach und nach und nach. 
Und in diesem Klang liegt die ganze Wahrheit.