JANUAR
- GEWEBE
Gewebe
Ich webe ein Bild, nähe es allenfalls, ganz sicher sticke ich Muster. Weisses Leinen, ausge- bleicht vom vielen Waschen, ganz weich geworden. Schicht um Schicht legen sich darüber Fäden, Oszillieren wie ein Palimpsest, manche ganz blass geworden, manche leuchtend wie neu. Wie die Spinnerin der Vorzeit, die Weberin auch, nehme auch ich Schicksalsfäden in die Hand.
Eine Landkarte Europas, im Mittelpunkt das Mittelmeer, die Länder im Westen nicht mehr klar erkennbar, Lücken klaffen, wo das Denken in Generationen aufhört. Dahinter aber klar und deutlich die Länder der untergehenden Sonne. Den Norden Afrikas bezieht sie mit ein, im Osten reicht sie nach Mesopotamien, vielleicht dorthin, wo alles begann. Lange Wege kreuzen und entflechten sich, um sich dann zu verlieren. Das Leinen wird durch den Stick- rahmen gestrafft. Von Zeit zu Zeit löse ich ihn, um ihn mit neuem Mittelpunkt frisch zu be- spannen. Es gibt noch viel zu tun.
Einige Wege bin ich selber gegangen, von einigen weiss ich aus Erzählungen, und vielen folge ich in Büchern und Gedanken. Eine aufgespannte Welt, die gleichzeitig Mittelpunkt und abseits ist. Die Stickerei in rot. Verschiedene Muster erschaffen verschiedene Wege. Wege durch die Zeit von einem Ort zum anderen. Sie verbinden Orte in ganz Europa, vom äussersten Westen – man sagt, sie kommen von den kanarischen Inseln – bis in den mittleren Osten, von Norden – aber nicht zu sehr – bis in den Süden. Ich schiesse mit dem Schiffchen hin und her und ziehe es mit dem Rohrkamm fest.
Das Unsere, Traumpfade der Erinnerung, einer verlorenen Welt. Alle Welt verliert sich in der Vergangenheit, das ist nicht schlimm, schlimm sind die Brüche, die die Fäden kappen und an anderer Stelle anknüpfen lassen. Diese Verbindungen werden hintenherum geführt, von vorne soll es möglichst schön aussehen. Purpur steht für das Weibliche, Blau für das Männliche. Jedes der Muster ist an sich schön, es braucht viel Geduld, um sie zusammenzuführen.
Wenn ich genau hinschaue, sehe ich die Schichten darunter. „Nelle nostre famiglie“. Die Familie in der Mehrzahl. Was man so macht „in unseren Familien“ ist hier eingestickt. Tu dies, lasse das, hier ist es gestickt, es muss gehört und zum Eigenen gemacht werden, bis man selber die Mutter wird.
Was soll man zum Gewebe sagen? Die geübte Stickerin macht zierliche, regelmässige Sti- che, nur selten, in Eifer und Hast, wirkt das Gewebe darunter eingeschnürt. Irgendjemand hat vor langer Zeit damit begonnen. Die Männer tauchten die Wolle in Färbe, die Frauen webten das Tuch, das sie später bestickten. Jede führt die Stickerei fort, lässt sie nicht aus ihren Händen und Augen. Manchmal sorgfältig in Seidenpapier gewickelt, manchmal als Einziges mitgeführt, von Corfu nach Polen und dann zurück nach Ägypten, um schon einige Jahre später in die Schweiz mitgenommen zu werden. Unerwartetes taucht auf, wie Inseln aus der Erinnerung, auch dies wird eingesponnen, eingewoben, dann zuletzt bunt bestickt. Auch Malta gehört dazu, mit seinem besonderen Garn.
Wie soll man von Gold und Samt erzählen, von Kacheln und liturgischen Gesängen, wenn nur Leinen und Wollfaden zu Verfügung stehen? Die Frauen tragen schwarz, die Männer schneeweisse Hemden. Sie sind es, die mit den Stoffen als Hausierer von einer Stadt in die andere gehen, zu Fuss, zu Pferd. Auf diesen Wegen werden sie mit dem Kreuz gezeichnet. Hier, dies kann ich an dieser Stelle des Tuches sehen, genau da, seitdem heissen sie die Gekreuzigten. Ganz nahe auf der gegenüberliegenden Insel werden Bäume inspiziert und Oliven aufgekauft, noch vor der Ernte, ein fruchtbares Jahr bedeutet gutes Öl aus den Pressen. Auch hier führen Wege fort, zunächst der Küste entlang, danach aber weg vom Meer zu Bergen und Seen.
Auch ich habe purpurne Wege gestickt, mit der Maschine, dies ist der einzige Unterschied zu den darunterliegenden Schichten der Mütter. Als ich heranwuchs, wählte ich mein Muster mit Bedacht. Lange konnte ich mich nicht entscheiden. Jetzt haben die Nächsten schon begonnen zu sticken, bald wird meine Stickerei nicht zu unterscheiden sein von derjenigen der Alten. Ob die wohl auch den Schmerz im Rücken gespürt haben? Die Arbeit am Tuch fordert den vollen Einsatz, da kann man sich nicht drum drücken.
Wird die Zeit reichen, um es zu vollenden? Ich schaue auf die Muster der anderen und mer- ke, Sorgen muss man sich keine machen, das Tuch wird sich vollenden. Gewebe der Moiren, die wir uns selber sind. Mit allem, was ich tu, webe und sticke ich weiter, zettle an, kremple um. Nichts wird aufgetrennt, alles ist festgehalten. Penelope hat auch beim Auftrennen weitergewoben.
Zürich, Februar 2008
FEBRUAR
- EIN ZIMMER
Ein Zimmer in welchem ich geschlafen habe
Ein Zimmer auf Corfu, in der Pension «Die Brücke des Kaisers».
Ein Sommer, Ferien mit der Familie und Verwandten, ein Zimmer mit drei Betten, meine Cousine Leah, mein Bruder und mich. Ein Zimmer, mit rosa Wänden nach hinten hinaus gelegen, ohne Sicht auf’s Meer. Drei Betten eng nebeneinander, so dass fast kein Platz übrigbleibt, nicht zum Stehen, nicht zum Sitzen. Ich weiss nicht mehr wie der Boden des Zimmers aussah, was ich weiss ist, das Zimmer war mittags und in der Nacht sehr heiss. Wir hielten uns hier sowieso wenig auf, nur während der Siesta und zum schlafen in der Nacht. In Sichtweite des Hotels lag der geheimnisvolle Bootsanlegeplatz «Die Brücke des Kaisers» eine Steinkonstruktion, eine relativ junge Ruine. Oben auf dem Hügel darüber der Sommerpalast Sissis. Jeden Morgen soll die junge Kaiserin den Pfad zwischen den Oliven und den Zypressen bis zum Meer und dann wieder hoch geklettert sein. Im Palast hingen überall die Porträts der jungen Frau. Im Garten an prominenter Stelle eine Marmorstatue des Achilleus im Moment seines Todes, wie er versucht den Pfeil aus seiner Ferse zu ziehen. Nachts standen die Roulettetische unter freiem Himmel, die Baccarattische in den weiten Enfiladen, doch dies sah ich erst viele Jahre später. Im Treppenhaus ein grosses Wandgemälde zeigt Achilleus auf seinem Wagen, im Augenblick seines Triumphes, den toten Hector hinter sich her schleifend. Das Wagenrad jedoch steht still, darüber soll der Maler wahnsinnig geworden sein, erzählt man. Wilhelm der zweite übernahm dann den Palast von den Erben, ein Porträt von ihm in Marineuniform und eine eigentümliche Vorrichtung, ein Holzbock mit Ledersattel, seltsam lächerlich, zeugen davon. Auch liess er einen zweiten, diesmal «siegreichen Achill» im Garten errichten.
Seltsamer Sommer, Pubertät, die Haare kurz. Cousins und Cousinen zusammen. Abends tanzen die Kellner griechische Tänze mit den Touristen, doch halt auch dies war erst ein paar Jahre später, zu dieser Zeit waren die Kellner einfach nur Kellner, der Sohn des Besitzers kaum älter als Leah und ich, picklig und dunkelblond und schon richtig im Berufsleben eingespannt. Den Weg nach Corfu Stadt liefen wir mit und ohne Schuhe, vorbei am Flug- zeug, welches mit seinem Rumpf im Wasser steckte. Es steckte dort fest seit es den Abflug nicht geschafft hatte. Eine alte Frau soll dabei gestorben sein, heisst es. Die Piste war nicht lang genug für den englischen Charter. Fast die ganze Dauer unseres Aufenthaltes sahen wir dieses gestrandete Flugobjekt.
Einmal mittags setzte sich Leah auf die Haube des Mietautos und machte so eine Beule im Blech. Wir versuchten dies unbemerkt zu beheben, doch mein Vater hörte das laute Geräusch des zurückschnappenden Blechs und bemerkte sofort den Schaden. Die jungen Cousinen aus Athen, die eine rothaarig die andere mit leicht vorstehenden grünen Augen. Milka und Dino sozusagen unsere Gastgeber auf der Insel. Milkas braungebrannter sommersprossiger Arm mit der eintätowierten Nummer. Wenn sie darauf deutete sagte sie immer, meine Telephonnummer. Wir stellen keine Fragen, wissen aber.
Milka’s Wohnung
Parallel zur «Brücke des Kaisers», beim Hotel, ein langer Holzsteg auf hohen Stelzen führt ins tiefere Wasser, dort wo türkisfarbene Inseln den dunklen Algenteppich durchbrechen. Milka schwimmt mit uns. Ich ekle mich vor diesen Algen und versuche möglichst schnell und flach darüber hinwegzuschwimmen. Mit ihr übe ich die Luft anzuhalten beim Tauchen, Purzelbäume, Handstand und sonstige Wasserspiele. Mittags fährt sie mit Dino immer nach Hause zur Siesta, jeden Tag muss sie Mittags liegen, seit sie aus Auschwitz zurückkehrte, auch vor Hunden hat sie seitdem Angst. Zunächst ging sie nach Ägypten, bis man sie wegen Knochentuberkulose für zwei Jahre in ein schweizer Sanatorium schickte. Im ersten Jahr durfte sie nur liegen, Drinnen und Draussen, Sommer und Winter abwechslunsweise auf dem Bauch und auf dem Rücken. Im zweiten Jahr durfte sie manchmal aufstehen. Im dritten Jahr lebte sie eine Weile bei meinen Grosseltern in Zürich und danach? Ich weiss sie und Dino heirateten erst ein paar Jahre später und sie ging danach zurück nach Corfu. Sie lebt am gleichen Ort wo früher ihr Elternhaus stand. Dieses brannte 1943 nieder zugleich mit dem gegenüberliegenden Theater. Brandbomben, Vorboten von Schlimmerem. Die Wohnung ist mit den alten Möbeln der Eltern eingerichtet, abgeschabte, schwere Ledersessel, so ungeheuer einladend und umschliessend vor dem Kamin. Überall an den Wänden alte Photos der Familie. Bei meinem letzten Besuch vor ein paar Jahren wusste sie die Namen nicht mehr. Sie hatte begonnen zu vergessen, was sie nie hatte vergessen wollen. Namen, Daten, alles weg. Noch hatte sie ganz klare Momente, machte treffende Aussagen zu «damals». Ich kam zu spät, und doch gerade noch zur rechten Zeit. Es gibt Tage da kann sie nicht darüber sprechen, sie die immer erzählt hat, nicht geschwiegen hat, sie die überlebt hat, mit ihrer Angst vor Hunden und mit ihren Rückenschmerzen. Später hat sie eine zweite Reise gemacht, nach Polen, an einem kalten Herbst von Wien aus, wo wir zusammen in den Ferien waren. Tagelang warteten sie und Dino auf das Visum nach Polen. Damals war ich sechzehn, auf der letzten gemeinsamen Reise mit den Eltern.
Das Zimmer auf Corfu, die Hitze, die Stechmücken in der Nacht. Das Zimmer ist wie ausgelöscht in der Erinnerung, nur an die rosa Wände erinnere ich mich. Draussen sassen wir unter den Pinien, machten Ausflüge zu Stränden, Bergen und Pässen, zu Aprikoseneis nach «Kanoni», dort wo die Könige Urlaub machten. Zu Eis im Milchladen von Corfu-Stadt, das Beste dass ich je ass. Eine Kugel gefrorene Sahne, eine Kugel Vanilleeis und ein Löffel Nescafé-Pulver obendrauf. Ein Ausflug auch nach «Palaiokastritsa» zum Kloster und zu den Buchten mit den blauen Grotten und dem eiskalten Wasser. Das Zimmer bleibt leer, kein an- genehmer Ort. Das Bad winzig klein, das Klo manchmal verstopft, wenn man sich vergass und Papier hineinwarf. Über das Zimmer gibt es nichts zu erzählen, nur dass wir, meine Cousine und ich manchmal durchs Fenster abschlichen. Mein Bruder war nicht wichtig, keine Ahnung wie es für ihn damals war.
Ursprünglich gab es gar kein Hotel, nur ein Restaurant mit einem grossen Raum für den Winter und Sommers Tische im Schatten der Pinien und Olivenbäume. Keine Taverne, ein Restaurant und ein Holzsteg, der weit ins Wasser reichte. Die Uferstrasse trennte diesen Steg vom Restaurant und wir wurden immer wieder angewiesen gut zu schauen bevor wir die Strasse überquerten. Die Spezialitäten des Hauses waren diese aufwendigen, traditionellen Gerichte, die die Frau des Besitzers jeden Vormittag zubereitete. Tagsüber wurden diese Speisen nur aufgewärmt. Nur die Fleischgerichte, Spiesse, Steaks, Hackbällchen und die handgeschnittenen dicken Pommes frites wurden bei Bestellung frisch zubereitet. Es gab über dem Restaurant nur eine Etage mit Zimmern. Die Meisten besassen einen Balkon und schauten auf’s Meer. Nur unser Zimmer befand sich auf der Rückseite und da das Haus sich am Hang befand konnten wir gut aus dem Fenster klettern. Wir wären gerne ins nächste Restaurant an dieser Strasse gegangen um etwas Aufregendes zu erleben. Doch als wir uns einmal dahin wagten, wurden wir gesucht, gefunden und zurückgeholt.
Die Erinnerung an diesen Aufenthalt wird von anderen Erinnerungen überlagert, mit anderen Verwandten, mit anderen Freunden. Kriegsausbruch 1974 gegen die Türkei, das Ende der Militärdiktatur in Griechenland. Die Männer werden einberufen, die Touristen stehen in der Hotelküche und waschen das Geschirr. Diese Einberufung der Männer mutet mich komisch an. Ich kenne keine solchen Erzählungen aus meiner Familie, keine Erzählungen über Militärzeiten von meinem Vater und von meinem Onkel. Erst vor kurzem habe ich erfahren, dass mein Grossvater beruflich von Corfu nach Ägypten ging und bei Beginn des ersten Weltkrieges eingezogen wurde. Er ging zurück nach Corfu, doch schon 1917, also noch während des ersten Weltkrieges ging die ganze Familie nach Triest und schon bald von dort aus kam mein Grossvater nach Zürich. Ein Bruder ging nach Wien, einer nach München, der jüngste ins Internat nach Neufchâtel. Nur einer der Brüder blieb mit Mutter und Schwester in Triest. Und einer starb in Alexandria, von dem spricht niemand.
Viele Zimmer
Viele Jahre später ein anderes Zimmer auf Corfu, wieder drei Betten drin. Die Hitzewelle schafft im Hotel eine eigenartige Atmosphäre, alle lassen ihre Zimmertür auf, auf der Jagd nach einem Luftzug. Heisse Duschen schaffen für kurze Zeit die Illusion von Kühle. Vor dem Hotel habe ich mich für einen neuen Beruf entschieden, aufgrund von Artemis Frage: «Warum machst du nicht Architektur?» Eines Abends werde ich ohnmächtig, Hitze und Alkohol schaffen es, mich vom Stuhl kippen zu lassen. Ich kenne inzwischen die Vorboten solcher Ereignisse und manchmal schaffe ich es mich vorher hinzulegen. Ein Treffen mit meinem Jugendfreund Ari in einem schönen alten Haus am Rande der Stadt in der Nähe des Flughafens. Eine schattige, mit Wein umrankte Veranda erschafft eine wohltuend kühle Oase. Wir haben uns nicht viel zu sagen, ich verstehe seine Welt nicht, er war Kernphysiker, heute ist er tot.
Viele Male auf Corfu, immer an neuen Orten, Jugendherberge auf der ersten Reise, die ich allein unternommen habe, zahlreiche Hotels, Privatzimmer. Über diese Räume gibt es auch nichts zu erzählen, dafür immer neue Perspektiven auf diese Stadt, wo meine Familie herstammt. Einmal fand auch ein grosses Familientreffen hier statt. Sogar der Ort wo mein Vater neun Monate bei einer Amme war nach dem Tod seiner Mutter. Das Grab existiert nicht mehr, der Friedhof war, glaube ich in der Nähe des Flughafens, wurde eingeebnet beim Bau einer Strasse, oder schon während der deutschen Besetzung? Erinnerungsfetzen, so beiläufig Dahingesagtes fällt mir ein, die Erinnerung liegt aber tiefer. Schichten der Erinnerung, Tauchen unter den Schiffen die in der Bucht ankern, Ausflug in den Nordwesten der Insel, zu diesem Punkt der am nächsten dem Festland ist, Albanien. Durch das Fernglass schaut mein Vater hinüber, nach «Saranda» zu den «Vierzig Heiligen», wo seine Grosseltern lebten. Als ich hindurch schaue, sehe ich unscharf einen Klotz, bin unsicher was dies sein soll, das Haus der Urgrosseltern, oder einfach das grösste Haus am Ort.
Januar 2009
03 märz
Gewebe
Ich webe ein Bild, nähe es allenfalls, ganz sicher sticke ich Muster. Weisses Leinen, ausge- bleicht vom vielen Waschen, ganz weich geworden. Schicht um Schicht legen sich darüber Fäden, Oszillieren wie ein Palimpsest, manche ganz blass geworden, manche leuchtend wie neu. Wie die Spinnerin der Vorzeit, die Weberin auch, nehme auch ich Schicksalsfäden in die Hand.
Eine Landkarte Europas, im Mittelpunkt das Mittelmeer, die Länder im Westen nicht mehr klar erkennbar, Lücken klaffen, wo das Denken in Generationen aufhört. Dahinter aber klar und deutlich die Länder der untergehenden Sonne. Den Norden Afrikas bezieht sie mit ein, im Osten reicht sie nach Mesopotamien, vielleicht dorthin, wo alles begann. Lange Wege kreuzen und entflechten sich, um sich dann zu verlieren. Das Leinen wird durch den Stick- rahmen gestrafft. Von Zeit zu Zeit löse ich ihn, um ihn mit neuem Mittelpunkt frisch zu be- spannen. Es gibt noch viel zu tun.
Einige Wege bin ich selber gegangen, von einigen weiss ich aus Erzählungen, und vielen folge ich in Büchern und Gedanken. Eine aufgespannte Welt, die gleichzeitig Mittelpunkt und abseits ist. Die Stickerei in rot. Verschiedene Muster erschaffen verschiedene Wege. Wege durch die Zeit von einem Ort zum anderen. Sie verbinden Orte in ganz Europa, vom äussersten Westen – man sagt, sie kommen von den kanarischen Inseln – bis in den mittleren Osten, von Norden – aber nicht zu sehr – bis in den Süden. Ich schiesse mit dem Schiffchen hin und her und ziehe es mit dem Rohrkamm fest.
Das Unsere, Traumpfade der Erinnerung, einer verlorenen Welt. Alle Welt verliert sich in der Vergangenheit, das ist nicht schlimm, schlimm sind die Brüche, die die Fäden kappen und an anderer Stelle anknüpfen lassen. Diese Verbindungen werden hintenherum geführt, von vorne soll es möglichst schön aussehen. Purpur steht für das Weibliche, Blau für das Männliche. Jedes der Muster ist an sich schön, es braucht viel Geduld, um sie zusammenzuführen.
Wenn ich genau hinschaue, sehe ich die Schichten darunter. „Nelle nostre famiglie“. Die Familie in der Mehrzahl. Was man so macht „in unseren Familien“ ist hier eingestickt. Tu dies, lasse das, hier ist es gestickt, es muss gehört und zum Eigenen gemacht werden, bis man selber die Mutter wird.
Was soll man zum Gewebe sagen? Die geübte Stickerin macht zierliche, regelmässige Sti- che, nur selten, in Eifer und Hast, wirkt das Gewebe darunter eingeschnürt. Irgendjemand hat vor langer Zeit damit begonnen. Die Männer tauchten die Wolle in Färbe, die Frauen webten das Tuch, das sie später bestickten. Jede führt die Stickerei fort, lässt sie nicht aus ihren Händen und Augen. Manchmal sorgfältig in Seidenpapier gewickelt, manchmal als Einziges mitgeführt, von Corfu nach Polen und dann zurück nach Ägypten, um schon einige Jahre später in die Schweiz mitgenommen zu werden. Unerwartetes taucht auf, wie Inseln aus der Erinnerung, auch dies wird eingesponnen, eingewoben, dann zuletzt bunt bestickt. Auch Malta gehört dazu, mit seinem besonderen Garn.
Wie soll man von Gold und Samt erzählen, von Kacheln und liturgischen Gesängen, wenn nur Leinen und Wollfaden zu Verfügung stehen? Die Frauen tragen schwarz, die Männer schneeweisse Hemden. Sie sind es, die mit den Stoffen als Hausierer von einer Stadt in die andere gehen, zu Fuss, zu Pferd. Auf diesen Wegen werden sie mit dem Kreuz gezeichnet. Hier, dies kann ich an dieser Stelle des Tuches sehen, genau da, seitdem heissen sie die Gekreuzigten. Ganz nahe auf der gegenüberliegenden Insel werden Bäume inspiziert und Oliven aufgekauft, noch vor der Ernte, ein fruchtbares Jahr bedeutet gutes Öl aus den Pressen. Auch hier führen Wege fort, zunächst der Küste entlang, danach aber weg vom Meer zu Bergen und Seen.
Auch ich habe purpurne Wege gestickt, mit der Maschine, dies ist der einzige Unterschied zu den darunterliegenden Schichten der Mütter. Als ich heranwuchs, wählte ich mein Muster mit Bedacht. Lange konnte ich mich nicht entscheiden. Jetzt haben die Nächsten schon begonnen zu sticken, bald wird meine Stickerei nicht zu unterscheiden sein von derjenigen der Alten. Ob die wohl auch den Schmerz im Rücken gespürt haben? Die Arbeit am Tuch fordert den vollen Einsatz, da kann man sich nicht drum drücken.
Wird die Zeit reichen, um es zu vollenden? Ich schaue auf die Muster der anderen und mer- ke, Sorgen muss man sich keine machen, das Tuch wird sich vollenden. Gewebe der Moiren, die wir uns selber sind. Mit allem, was ich tu, webe und sticke ich weiter, zettle an, kremple um. Nichts wird aufgetrennt, alles ist festgehalten. Penelope hat auch beim Auftrennen weitergewoben.
Zürich, Februar 2008
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